Besonderheiten
bei Kindern mit
Spastischer Hemiparese

Hemiparese

 

Von einer Hemiparese spricht man, wenn nur eine Körperhälfte von einer Bewegungsstörung betroffen ist. In der Regel liegt eine Spastik vor. Hemiparesen können entweder mehr den Arm oder mehr das Bein oder Arme und Beine gleichmäßig betreffen.

 

Was sind die Ursachen von Hemiparesen?

Die häufigsten Ursachen einer Hemiparese sind: Angeborene Fehlbildungen einer Gehirnhälfte, Schädigungen einer Gehirnhälfte während der Schwangerschaft, eine Schädigung der weißen Hirnsubstanz vor, während oder nach der Geburt vor allem bei Frühgeborenen oder ein Infarkt (Gefäßverschluß) vor während oder nach der Geburt. Nur selten sind Tumoren des Gehirns Ursache einer Hemiparese. Die Ursache und damit auch den Zeitpunkt der Schädigung kann man durch eine kraniale Kernspintomographie gut abklären. Diese Untersuchung ist bei Kindern mit Hemiparese immer sinnvoll.

 

Wie können die Störungen der Beinmotorik behandelt werden?

 Die Störungen der Beinmotorik kann man bei Kindern mit Hemiparese meist gut behandeln durch Physiotherapie, Orthesen, Botulinumtoxin-Behandlung, ggf. Operationen. Fast alle Kinder mit Hemiparese erlernen das freie Gehen. Die meisten Kinder können mit ca. 2 Jahren frei gehen.

 

Wie können die Störungen der Arm- und Handmotorik behandelt werden?

Schwieriger ist die Behandlung der Arm- und Handmotorik bei Kindern mit armbetonten Hemiparesen. Meist bemerken die betroffenen Kinder sehr schnell, daß sie den kranken Arm nicht so gut bewegen können. Sie benutzen dann möglichst nur den gesunden Arm. Durch die fehlende Nutzung werden die Bewegungsmöglichkeiten des kranken Arms noch schlechter. Ermahnungen, doch den kranken Arm zu benutzen, bewirken meist das Gegenteil: Die Kinder merken erst recht, daß sie diesen Arm nicht so gut bewegen können. Dies kann dazu führen, daß die Kinder Aktivitäten mit dem kranken Arm zunehmend ablehnen.

Eine „Umerziehung“ ist immer zum Scheitern verurteilt! Kinder mit Hemiparesen werden schwierige Aktivitäten immer mit der gesunden Hand ausführen. Für einige Aktivitäten benötigt man jedoch zwei Hände, bzw. man kann sie mit zwei Händen besser ausführen, z.B. das An- und Ausziehen oder das Schneiden mit dem Messer. Das Behandlungsziel bei Kindern mit armbetonter Hemiparese ist daher, daß die kranke Hand eine gute Hilfshand wird, d.h. z.B. gut für Halteaktivitäten eingesetzt werden kann. Günstig ist es immer, den Kindern Spielzeuge anzubieten, für die sie zwei Hände benötigen. Die Kinder werden dann durch das Spielzeug zur Nutzung beider Hände angeregt (nicht durch Ermahnungen). Gezielte Übungen mit der kranken Hand können im Rahmen von Ergotherapie oder Physiotherapie durchgeführt werden. Diese Übungen sollten mit genauer Zielsetzung und möglichst alltagsnah stattfinden. Die Kinder sollten dabei Erfolgserlebnisse haben.

Besonders wichtig ist für Kinder mit armbetonten Hemiparesen die Entwicklungsphase am Boden, vor allem alle Fortbewegungsarten am Boden wie Krabbeln, Rutschen usw. Die Kinder werden dadurch angeregt, die kranke Hand zum Stützen einzusetzen. Sobald die Kinder stehen und gehen und die Hände mehr zum Spielen nutzen können, versuchen sie meist vermehrt nur noch die gesunde Hand einzusetzen. Kinder mit Hemiparesen sollten daher auf keinen Fall verfrüht zum Stehen oder Gehen gebracht werden, zumal die meisten Kinder dies ohnehin gut lernen!

Langfristig können sich auch am kranken Arm und an der kranken Hand bei Kindern mit Hemiparese Veränderungen der Muskelstruktur entwickeln. Meist neigen die Beugemuskeln zur Verkürzung und die Streckmuskeln zur Verlängerung. Dadurch können sich die Bewegungsmöglichkeiten verschlechtern. Um dies zur vermeiden, kann es sinnvoll sein, vor allem nachts eine Armschiene zu tragen. Bereits eingetretene Strukturveränderungen der Muskulatur können evtl. operativ behandelt werden. Diese Operationen sollten erfahrenen Kinderorthopäden vorbehalten bleiben.

Manchmal kann die Handfunktion bei älteren Kindern durch das Tragen einer Handschiene tagsüber verbessert werden. Außerdem können gezielte Injektionen von Botulinumtoxin die Bewegungsmöglichkeiten bei ausgeprägter Spastik verbessern. Eine weitere Behandlungsmöglichkeit ist die „Constraint-induced Movement Therapy“.

 

Dr. Martin Häußler
Kinder- und Jugendarzt
mit Schwerpunkt Neuropädiatrie

 

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