Botulinumtoxin-Behandlung
bei spastischer Zerebralparese

Erstbeschreibung von Botulinumtoxin

 

Was kann man durch eine Behandlung der Spastik mit Botulinumtoxin A erreichen?

Das Ziel dieser Behandlung ist, in ausgewählten Muskeln die erhöhte Muskelspannung abzuschwächen. So kann z.B. das Gangbild verbessert oder andere Aktivitäten erleichtert werden. Unter Umständen sind Pflegetätigkeiten (An-/Ausziehen, Wickeln) oder das Anlegen und Tragen von Hilfsmitteln oder Orthesen besser möglich. Auch kann eine physiotherapeutische Behandlung erleichtert werden. In jedem Fall sollte der behandelnde Arzt zusammen mit den Eltern, evtl. dem Kind und den Therapeuten des Kindes die Behandlungsziele festlegen.

 

Welche Erfahrungen hat man mit Botulinumtoxin A bei der Behandlung der Spastik?

Der schwäbische Arzt Justinus Kerner entdeckte 1820 die muskelschwächende Wirkung von Botulinumtoxin (siehe Bild oben). Hierbei handelt es sich um eine Gruppe von Eiweißstoffen, die von einem Bakterium gebildet werden. In der Medizin wird überwiegend das Botulinumtoxin vom Typ A verwendet. Nach Reinigung und starker Verdünnung (milliardstel Gramm) kann es als Medikament eingesetzt werden.

Die Behandlung mit Botulinumtoxin A gilt weltweit in der Neurologie, Kinderheilkunde und Augenheilkunde als anerkanntes, wirksames, sicheres und nebenwirkungsarmes Verfahren für Bewegungsstörungen mit einer Überaktivität von Muskeln, z.B. bei verschiedenen Formen von Spastik. Die Behandlung mit Botulinumtoxin A ist inzwischen ein fester Bestandteil der Therapie für viele Kinder mit Zerebralparese. Sie ist aber nicht für alle Kinder geeignet. Im Frühdiagnosezentrum Würzburg wird diese Behandlung seit 1997 durchgeführt. Eine hiermit vergleichbare Behandlungsmethode gibt es nicht. Die erhöhte Muskelanspannung ist sonst nur durch Medikamente, die alle Muskeln schwächen, durch Physiotherapie oder orthopädische Maßnahmen zu beeinflussen.

Die Behandlung der Spastik mit Botulinumtoxin A kann gut mit anderen Behandlungen (Physiotherapie, Orthesenbehandlung, Gipsbehandlung) kombiniert werden. Sie eignet sich vor allem (aber nicht nur) für junge Kinder. Diese können während der Wirkung des Botulinumtoxins häufig neue motorische Lernerfahrungen machen, die oft auch noch nach Abklingen der Medikamentenwirkung erhalten bleiben. Ein früher Behandlungsbeginn ist auch deshalb günstig, weil das Medikament bei bereits eingetretener Muskelverkürzung nicht mehr so gut oder auch gar nicht mehr wirkt. Die Behandlung kann bei Bedarf auch über Jahre durchgeführt werden. Eine Dauerbehandlung ist aber nicht üblich.

Wahrscheinlich können durch eine Behandlung der Spastik mit Botulinumtoxin A Muskelverkürzungen oder Gelenkschäden (z.B. Hüfte) verzögert und bei einem Teil der Kinder vielleicht sogar vermieden werden. Orthopädische Operationen sind dann zu einem späteren Zeitpunkt möglich, wenn die Kinder nicht mehr soviel Wachstum vor sich haben.

Häufige Gründe für eine Behandlung mit Botulinumtoxin A sind: Spitzfüße (Beispiel 1), Spastik der hüftanspreizenden Muskulatur (Adduktoren, Beispiel 2), Spastik der Daumenbeugemuskulatur (Beispiel 3). Daneben gibt es aber viele andere sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten, über die der behandelnde Arzt entscheiden muß.


Behandlungsbeispiele
 

Beispiel 1
 
 
Botulinumtoxin bei Spastik: Spitzfuss vor Behandlung

4-jähriges Mädchen mit Spitzfuss beidseits bei  spastischer Diparese. Das Mädchen kann noch nicht frei gehen. Sie bewegt sich in der Wohnung durch Krabbeln und Kniegang.
 
Botulinumtoxin bei Spastik: Spitzfuss vor Behandlung



 
Botulinumtoxin bei Spastik: Spitzfuss nach Behandlung

Gleiches Mädchen nach Behandlung der Wadenmuskulatur beidseits mit Botulinumtoxin.
Sie kann jetzt einige Schritte frei gehen, krabbelt kaum noch.
 
Botulinumtoxin bei Spastik: Spitzfuss nach Behandlung


 

 

Beispiel 2
 
 
3-jähriger Junge mit spastischer Tetraparese. Spastik der Hüftanspreizmuskulatur (Adduktoren), dadurch Überkreuzen der Beine. Probleme beim Wickeln. Nachts mehrmaliges Umlagern nötig.







 
Botulinumtoxin bei Spastik: Hüftadduktorenspasmus vor Behandlung
Gleicher Junge nach Behandlung der  Adduktorenmuskulatur mit Botulinumtoxin. Die Beine sind jetzt viel lockerer und beweglicher. Das Wickeln ist viel leichter. Er kann jetzt auf dem Boden etwas umherrutschen. Nachts muß er nicht mehr so oft umgelagert werden.






 
Botulinumtoxin bei Spastik: Hüftadduktorenspasmus nach Behandlung

 

Beispiel 3
 
 
4-jähriges Mädchen mit spastischer Tetraparese. An der linken Hand ist der Daumen durch die Spastik stark eingeschlagen. Das Mädchen kann diese Hand kaum nutzen.





 
Botulinumtoxin bei Spastik: Daumenbeugespasmus vor Behandlung
Gleiches Mädchen nach Behandlung der Daumenbeugemuskulatur links mit Botulinumtoxin. Das Mädchen kann jetzt mit der linken Hand Gegenstände halten.





 
Botulinumtoxin bei Spastik: Daumenbeugespasmus nach Behandlung

 

Fortsetzung

 


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